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Fraktal
Grenzen und Übergänge
Gert F. Bär, 2008

Rede zur Ausstellung: Heute begehen wir die Vernissage der jüngsten Werke von Jochen Stankowski. Zuerst fällt auf: Stankowski ist der Konkreten Kunst treu geblieben. Wir sehen Kompositionen aus geometrischen Formen, aus Liniendreiecken und Polygonen.

Aber, mit den bekannten Elementen wird eine gebrochene und repetierende Formenwelt auf­gebaut. Er ist in einen neuen Themenbereich aufgebrochen. Wohin? Wir haben den Titel "Fraktale - Grenzen und Übergänge" als Orientierungshilfe bekommen.

Das Lexikon "Wikipedia" sagt: "Ein Fraktal ist eine Menge, deren Hausdorff-Besikowitsch-Dimension größer ist als ihre topologische Dimension." Da sind wir wohl in die Mathematik der Gegenwart geraten.

Seit Benoît Mandelbrots erstem Buch, in dem er das Fraktal definierte, also seit 1975, ist viel Zeit vergangen und es wurden aus diesem Anstoß heraus Unmengen Schweiß vieler Forscher vergossen.

Der Begriff "Fraktal", vom lateinische "fractus", das heißt von "gebrochen", "in Stücke brechen", abgeleitet, hat seither Einzug in viele wissenschaftliche Abhandlungen unter­schiedlicher Fach­gebiete gefunden: Physik, Mathematik, Geologie, Medizin, Biologie.

Ein Fraktal ist ein natürliches oder künstliches Gebilde, das im Wesentlichen aus mehreren ver­kleinerten Kopien seiner selbst besteht, die wiederum aus mehreren verkleinerten Kopien der Kopien besteht.

Ich gebe ein Bespiel nach Joachim Ringelnatz: "Der Wurm hat Würmer, die Würmer haben Würmer." Seriösere Beispiele sind die Lunge, der Blutkreislauf, der Baum, der Farn, die deutschen Binnengewässer, die Küstenlinie von Griechenland.

Im Einladungstext zu dieser Vernissage lässt der französische Philosoph Michel Serres den alten Griechen Zenon die griechische Küstenlinie von Athen nach Elea abschreiten. Immer wieder muss Zenon seinen gewünschten gradlinigen Weg ändern, Berge und Buchten umgehen, Steine und Seen umgehen, schließlich werfen ihm die Götter Atome in den Weg als verkleinerte Kopien der gerade überwundenen Steine. Immer wieder verkleinern. Wie oft geht das?

Von Zenon ist ein berühmtes Gedankenexperiment überliefert: Achill, der schnellste Läufer Griechenlands wird zum Wettlauf mit einer Schildkröte bestellt. Sie ist bekanntlich nicht die schnellste. Sie bekommt deshalb 100 Meter Vorsprung. Startschuss. Achill läuft angenommen zehnmal so schnell wie die Schildkröte. Wenn er die 100 Meter Vorsprung eingeholt hat, ist die Schildkröte ein Zehntel dieser Strecke weiter­gelaufen und hat nun 10 Meter Vorsprung. Wenn Achill diese 10 Meter zurückgelegt hat, ist die Schildkröte einen Meter weiter. Und so weiter und so fort. Zenon schlussfolgert: Achill kann die Schildkröte nicht einholen.

"Richtig", sagen die Einen, "es bleibt immer ein Vorsprung bestehen, wenn dieser auch immer kleiner wird."
"Falsch" sagen Andere, "die Praxis zeigt das Gegenteil."
Das "und so weiter und so fort" ist die Schwachstelle in der Argumentation Zenons.
Das "und so weiter und so fort" ist auch die gedankliche Reizquelle der Fraktale.

Es ist das Ungewisse beim Voranschreiten in die Unendlichkeit. Wie weit haben dort die Maß­stäbe unseres Denkens Gültigkeit?

Jochen Stankowski hat die Bücher des amerikanischen Mathematik-Professors Benoît Mandelbrot nicht gelesen. Er hat das fraktale Wesen der Natur mit wachen Augen selbst erfasst. Auf einer Reise nach Zypern beeindruckten ihn die Berge und Buchten der Küste. Und sitzt er am Ufer, erkennt er vergleichbare Formen an Steinen und Tümpeln. Vor acht Jahren hat er begonnen, diese Eindrücke vom Großen im Kleinen in Skizzen fest­zuhalten. An der Posterwand sehen wir davon eine beeindruckende Auswahl.

Offenbar hat Jochen Stankowski sich der Exploration von Fraktalen, ihren Grenzen und Über­gängen mit der Verarbeitung dieser Skizzen zu neuen Bildern verschrieben.

Die vier Arbeiten an der Fensterfront demonstrieren fast lehrbuchhaft das Werden eines Fraktals. Die zweiteilige Grundform im rechten Bild wird in zwei Schritten am Rand aufgebrochen und angereichert. Das verlangt für den aufgebrochenen Raum die Farbe weiß - daraus kann noch alles werden.

An der benachbarten Wand hängen sieben kleinformatige Arbeiten übereinander. Auch sie erzählen eine Verwandlungsgeschichte.
Die in der Mitte angebrachte grüne Grundform wird in ihrer wuchtigen Rigorosität platziert. Ihre Einbettung in ein größeres Ganzes erfolgt in drei Bildern aufwärts.
Der gezoomte Ausschnitt hat uns den Blick auf die Herkunft der Grundform zunächst ver­sperrt. Die Erkenntnis wächst nach oben - mit dem Auszoomen.
Lassen wir den Blick abwärts gleiten, so entdecken wir die Verfeinerung der wuchtigen Grund­form, ihr Ausufern zum Bild einer zerklüfteten Küstenlinie. Die Farben wechseln sanft bei jedem Evolutionsschritt.

An der Wand zu meiner Rechten zeigt Jochen Stankowski dagegen 15 statische, fraktale Momentaufnahmen. Die evolutionäre Bewegung dieser Formenwelt ist für den Augenblick ein­gefroren. Spitzwinklige Richtungsänderungen, schmale Keile, tektonische Risse vielleicht. Wenn unser Auge die Ränder der zerklüfteten Polygone verlängert, kann es manchmal über­schneidende Zonen zweier gegenläufige Fächer ausmachen, deren Drehzentren links unten und am rechten Bildrand liegen. Ein Zick-Zack kann hin und wieder beobachtet werden. Der Blitze schleudernde Zeus lässt grüßen.

Die beiden großformatigen Arbeiten fassen die kleineren Arbeiten in Konglomeraten zusam­men. Das ist eine Änderung des Standpunktes. Jetzt wird nicht mehr aufgebrochen und an­gereichert, sondern zu einer neuen Einheit aggregiert. Ein gleißendes Licht bricht durch, irisiert; es vervielfacht die Objekte in einem weißen kristallenem durchscheinenden Konglo­merat.

Aus meiner Sicht sind die bewährten konstruktivistischen Formelemente erfreulicherweise im kandinskyschen Sinn bewahrt: Einfachste Elemente. Gerade Linie, gerade schmale Fläche: harrt unentwegt, sich rück­sichtslos behauptend, scheinbar selbstverständlich - wie das bereits erlebte Schicksal. So und nicht anders.

Dagegen freie Elemente, vibrierend, ausweichend, scheinbar unbestimmt - wie das uns er­wartende Schicksal.
Es könnte anders werden, wird es aber nicht.
Hartes und weiches. Die Kombination von beiden - unendliche Möglichkeiten.

Meine Damen und Herren, Sie erinnern sich gewiss an die aufdringlich bunten Bilder der Fraktaldesigner, die uns vor zwanzig Jahren an vielen Stellen ins Auge sprangen - eine computergenerierte schöne, neue Welt, die noch ihre Wellen schlägt im Internet.

Davon spüren wir in Jochen Stankowski Bildern nur einen Hauch. Er musste seine spartanische Farbigkeit für dieses Thema hin und wieder aufweichen. Bei den fünf Skulpturen blieb er rigoros weiß. Für ihn steht die Form an erster Stelle, es kann die Farbe folgen und Hilfestellung geben.

Sein Credo war und ist die Vereinfachung, die kürzeste Form für einen Bildinhalt. Er sagte: An dieser Grenze halte ich mich am liebsten auf. Wenn man dort zu einer bildlichen Aussage kommt, ist sie am eindringlichsten.

Die harmonische Ruhe und das ausgewogene Gleichgewicht der älteren Bilder werden in den neuen oft gebrochen. Grenzen und Übergänge – vor allem ins Unendliche – ver­unsichern generell. Das soll dargestellt sein. Die Exploration der fraktalen Welt benötigt anhaltend Kurs­korrekturen.

Die Bilder und fünf Skulpturen dieser Ausstellung nehmen uns mit auf den Weg des Zenon von Athen nach Elea, durch die erstaunliche Welt der Fraktale, von der großen Form in die kleine Kopie, von der Endlichkeit in die Unendlichkeit, von der großen Landschaftsschau in den Detail­reichtum ihrer Bestandteile.

Prof. Gert F. Bär, Institut für Geometrie, Technische Universität Dresden
Ansprache zur Ausstellung in der 'Galerie Konkret' Dresden am 16.3.2008

Einige Bilder unter: http://www.atelier-stankowski.de/maler.php?cat=11