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Zeichensteller zwischen „angewandt und frei“
Dem Künstler Jochen Stankowski zum 70. Geburtstag
Heinz Weißflog, DNN, 25-05-2010

Von Beruf ist der gelernte Schriftsetzer Grafiker, arbeitete Jahre als Grafik-Designer und bezeichnet sich selbst als „Zeichensteller“, weil es ihm im angewandten Bereich, seinem Broterwerb, aber auch in der freien Kunst immer um die visuelle Zeichensprache, um die Suche nach Formen geht, die er „zum Sprechen bringen will“ (J.S.). Jochen Stankowski hat sich der konkreten Kunst verschrieben. Jetzt, im 70. Jahr, hat er ausreichend Zeit und Ruhe, sich immer intensiver mit ihr zu beschäftigen, und entwickelt überraschend neue Kombinationen von Dreieck und Quadrat. Mit seinem Credo „Jede Form löst eine Empfindung aus“, steht er fern vom Ästhetisieren, wenngleich im angewandten Bereich die Verführungen dazu groß sind. Wichtig ist dem Künstler das Prinzip, nach  dem die Formen miteinander funktionieren, Details interessieren ihn eher nicht.

Jochen Stankowski wurde 1940 in Meschede (Ruhr), einem Ort zwischen Kassel und Köln geboren. Prägend war das Erlebnis des Bombenangriffs auf die Stadt, den er als Fünfjähriger erlebte. Über das „visuelle Erlebnis“ als Schriftsetzer (Bleisatz), später in Stuttgart als Akzidenzsetzer, kam er zum Grafikdesign, das er bei seinem Onkel erlernte. Danach folgten Studien der Malerei an der Kunstakademie Stuttgart. 1965 ging er nach England und studierte am Londoner College of Printing. Dort drehte er seinen ersten Film über den Pfeil, das älteste universelle grafische Zeichen, das fast allen Kulturen der Welt angehört. Darüber schrieb er auch ein Buch zum Thema zusammen mit Eugen Gomringer (dem Sekretär von Max Bill an der Ulmer Hochschule für Gestaltung), das im Keller-Verlag 1972 als minutiöse „Sammlung über den Pfeil“ erschien. Über die piktografischen Zeichen und die Schrift als grafisches Konstrukt meditiert er noch heute.

Schließlich stieg er aber aus dem Grafikdesignunternehmen aus und ging an die „Basis“, widmete sich Kriegsdienstverweigerern, Obdachlosen und Jugendlichen, die aus der Bahn geraten waren. Er selbst hatte 1963 den Kriegsdienst verweigert und in der Psychiatrie als Pfleger gearbeitet. 1974 wurde er Mitherausgeber und Gestalter der Initiativzeitung „Kölner Volksblatt“ und beteiligte sich an der visuellen Gestaltung zahlreicher politischer Aktionen und Medien der Bürgeriniativen- und Ökologiebewegung. Das Jahr 1998 war für ihn eine Zäsur und ein Neuanfang – sowohl im Privaten als auch im Beruf. Jochen Stankowski kam nach Dresden und wohnt seitdem in der Neustadt. Hier arbeitete er bis zur Berentung in der Angewandten Kunst für Werbung, Raumgestaltung und Architektur, entwickelte Logos und Signes für neue Firmen. Für moderne Vernetzungen im Computerbereich fand er visuelle Entsprechungen, die das jeweilige Prinzip in eine andere Form umsetzten. Für den Merve-Verlag Berlin gestaltet er bis heute die Umschläge und Rückseiten der Bücher.

In letzter Zeit interessieren ihn mehr die Malerei und das Zeichnen, die Arbeit auf der Fläche mit konkret-konstruktiven Formen. Über die konkrete Kunst entwarf er eine Dialektik des Sehens, die von gegensätzlichen Begriffspaaren in der Sprache ausgeht und sich mit der Einheit der visuellen Gegensätze in den Formen befasst. Dialektik fasst er so als universelles Wachstumsprinzip auf, das bis ins Alltägliche reicht.

Höhepunkt im Schaffen von Jochen Stankowski war die Gründung der Galerie Konkret vor fünf Jahren, in der bereits 17 Ausstellungen liefen und 14 Werkstattgespräche die Dresdner zur Diskussion einluden. „Der eigene Wert der Form hat in Dresden eine starke Tradition“, schrieb Werner Schmidt, ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und bestätigt damit, dass Dresden, was seine Künstler betrifft, ein fruchtbarer Boden für die konkrete Kunst ist, wenngleich die Galerien es sich mit ihr schwer tun.

Die Stadt Dresden ist für Jochen Stankowski immer noch ein idealer Ort, an dem die Proportionen von Landschaft, Architektur und Kultur stimmen. Die Neustadt, wo er wohnt, liegt mitten im pulsierenden Leben der Stadt. Die gestrandeten Jugendlichen, die hier am Rande der Existenz leben, begreift er als Potenzen der Gesellschaft, die zu verwahrlosen drohen und für die etwas getan werden muss.

Heinz Weißflog (Dresdner Neue Nachrichten, 25. Mai 2010)