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BildSätze
Heinz Weißflog zur Ausstellung
Käthe-Kollwitz-Haus, Moritzburg, 4. Mai 2014

„Wenn ich Worte schreiben will, so stehen mir immer Bilder vor Augen“, trug Johann Wolfgang von Goethe am 27.2.1787 ins Tagebuch seiner Italienischen Reise. Der Dresdner Maler und Grafiker Jochen Stankowski sagt es umgedreht: „Ich möchte gern sehen, was ich denke“. Auf seiner täglichen Bildersuche in der Literatur stieß er auf markante Sätze, Aphorismen uns Sprachspiele von Philosophen, Dichtern, Wissenschaftlern, Malern und Musikern, die er in konstruktive Bilder übersetzte, darunter Sentenzen von Martin Luther, Peter Handke, Laotse, John Cage, Leibniz, Kant und anderen. Den von der Werbegrafik kommenden Künstler treibt es in diesen Arbeiten zu formelhaften Reduktionen von Gedanken auf ihr geistiges Flächen- und Linienspiel. „BildSätze“, wie der Titel dieser Ausstellung lautet, die Kombination von Bild und Wort, will Gedanken erhellen, das jeweilige Sprechspiel kommentieren und dabei zu etwas Eigenem umformen. Im Desiger-Beruf, der ihn sein Leben lang ausfüllte, war er gezwungen, Bilder für Begriffe zu finden. Das bedeutet: Reduktion auf bildnerische Formeln, Strukturen und Konstellationen, Denkbilder mit optischen (realen) Bildern verbinden. Die Arbeit für Verlage brachte ihm ein universales Wissen ein, eine Belesenheit, die auch in den Arbeiten der Ausstellung deutlich vor uns steht. Auf den Punkt bringen, aber nur in einer asymtodischen Annäherung von Wort und Bild, ist das Bestreben des Grafikers. Grundlage der Arbeit waren 150 Zitate, von denen er 80 in Bilder übertrug. 40 davon sind in diesem Haus zu sehen.

Lebenswege und Arbeitsgebiete


Jochen Stankowski wurde 1940 in Meschede (Ruhr), einem Ort zwischen Kassel und Köln geboren. Prägend war das Erlebnis des Bombenangriffes auf die Stadt, den er als 5-Jähriger erlebte. Über das „visuelle Erlebnis“ als Schriftsetzer (Bleisatz), später in Stuttgart als Akzidenzsetzer, kam er zum Grafikdesign, das er bei seinem Onkel erlernte. Danach folgten Studien der Malerei an der Kunstakademie Stuttgart. 1965 ging er nach England und studierte am London Collage of Printing. Dort drehte er seinen ersten Film über den Pfeil, dem ältesten universellen grafischen Zeichen, das fast allen Kulturen der Welt angehört. Darüber schrieb er auch ein Buch zum Thema zusammen mit Eugen Gomringer (dem Sekretär von Max Bill an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, das im Keller-Verlag 1972 als minutiöse „Sammlung über den Pfeil erschien. Über die piktografischen Zeichen und die Schrift als grafisches Konstrukt meditiert er noch heute. Schließlich stieg er aus dem Grafikunternehmen aus und ging an die Basis, widmete sich Kriegdienstverweigerern, Obdachlosen und Jugendlichen, die aus der Bahn geraten waren. Er selbst hatte 1963 den Kriegsdienst verweigert und in der Psychiatrie als Pfleger gearbeitet. 1974 wurde er Mitherausgeber und Gestalter der Initiativzeitung „Kölner Volksblatt“ und beteiligte sich an der visuellen Gestaltung zahlreicher politischer Aktionen mit Flugblättern und den Medien der Bürgerinitiativen und Ökologiebewegung. Das Jahr 1998 war für ihn eine Zäsur und ein Neuanfang sowohl im Privaten wie im Beruf. Jochen Stankowski kam nach Dresden und wohn in der Neustadt. Hier arbeitete er bis zur Berentung in der Angewandten Kunst als freier Grafiker für Industrie und Wirtschaft in der Werbung, entwickelt Logos und Signets für neue Firmen, war als Buchgestalter und Medienfachmann tätig. Für den Merve-Verlag Berlin gestaltet er bis heute die Umschläge und Rückseiten der Bücher.

In letzter Zeit interessieren ihn mehr die Malerei und das Zeichen, die Arbeit auf der Fläche mit konkret-konstruktivistischen Formen. Seine künstlerische Arbeit mit der konkreten Form unterliegt einem Konzept, das er über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Die Brotarbeit brachte Erfahrungen im „grafischen Gedächtnisraum“. Dadurch kam er zum Entwurf einer „Dialektik des Sehens“, die sich besonders an der Zeichen- und Sprachtheorie von Ludwig Wittgenstein orientiert. Dabei geht er von gegensätzlichen Begriffspaaren in der Sprache aus und befasst sich mit der Einheit der visuellen Gegensätze in den Formen. Dialektik fasst er so als universelles Wachstumsprinzip auf, das bis ins Alltägliche reicht. Wie ein Dreieck oder ein Kreis oder ein Quadrat miteinander funktionieren, haben die Klassiker der konkreten Kunst wie Malewitsch, Mondrian, Lissisky, Vasarelli und Kandinski, später Max Bill und Paul Lohse bereits vorgedacht. Das Spiel mit der Form und der an sie gebundenen Farbigkeit führt ihn in seinen besten Arbeiten zu klaren, feinfühligen, fast lyrischen, ein wenig unterkühlten Kompositionen, die disziplinierend auf das Auge wirken und anregen. Visuelle Klarheit ist es, nicht Sachlichkeit der Form, die hier überzeugt, die jede Arbeit zum einmaligen Seherlebnis werden lässt.

Am Anfang war das Bild

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dessen 125. Geburtstag vergangene Woche begangen wurde, verschmolz das philosophische mit dem ästhetischen Denken, also Sprache und Kunst. In seinem „Tractatus logico-philosophicus“ bereitete er eine Bild- und Zeichentheorie vor, in welcher er die Philosophie in eine kulturtheoretisch-ethnologische ausgerichtete Semiotik überführte. Wort und Bild sind jeweils eine Seite der Medaille. Man darf annehmen, dass dabei das Bild (die optische Sensation in unserem Augenhirn) überhaupt am Anfang des menschlichen Denkens gestanden hat.

Dialektik von Wort/Satz und Zeichen/Bild


Jochen Stankowski interessiert der umgekehrte Prozess, die bildliche Darstellung von Gedanken in ihrer sehr komprimierten, formelhaften Sprache, wie es die Sätze bedeutender Künstler und Philosophen sind. Er erfindet stellvertretend für diese Sentenzen grafische Zeichen, die sich als konstruktive Gebilde und geometrische Formen auf dem Blatt realisieren. Dabei steht die Interaktion der grafischen Zeichen im Mittelpunkt. Es herrscht ein großer intelektueller Aufwand, der sich schließlich in seiner Schlüssigkeit plausibel und einfach manifestiert. Am Rande gesagt: Erstaunlich ist, dass die von ihm ausgewählten Zitate immer etwas mit Bewegung zu tun haben. Für seine konkrete Arbeit sind besonders solche Zitate von Belang, die einen dialektischen Zusammenhang in sich tragen. Jochen Stankowski bezeichnet die Arbeit an einem Bild ebenso wie für ein Logo als einen „Fiebrigen Prozess“, der zwischen 6 und 8 Wochen andauert. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eher etwas in verschlüsselter Geometrie enthaltenes abstrakt Geistiges, das sich in konstruktivistischer Gestalt darstellt. Die individuelle Bildlösung aber greift in die Gestaltung ein, immer mit den vorgegebenen Mitteln und Möglichkeiten von Fläche und Konstrukt, Lineament, Strichelungen, Quadrat und Dreieck. Natürlich haben für die Verschlüsselung und die grafischen Codes jede der Mittel und Formen eine geistige Symbolik und Funktion, weil sie elementaren Grundgesetzen folgen, die sich auf die jeweilige Sentenz beziehen. Der eigentliche Reiz der Kombination von Bild und Satz besteht in einem Dazwischen, in der Interaktion von Bild und Gedanken. Dabei gibt es keine absolute Übereinstimmung oder Deckungsgleichheit zwischen Satz und Bild. Der Wechsel der gedanklichen Ebenen von Satz und Bild führt zu einer Belebung und Auffrischung des Denkens beim Rätseln um den Zusammenhang beider. Das ist sehr reizvoll und anstrengend weil spielerisch. Begeben wir uns auf die Entdeckungsreise ins Reich des Künstlers:

Fallbeispiele


Zitat des Chinesischen Philosophen Mo’Ti aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.: „Nur wenn man sich der Übereinstimmung und der Unterscheidung gleichzeitig bedient, ist man imstande zu erfahren, was ist und was nicht ist“.
Bild: Hier waltet die Dialektik, das Gesetz des Kampfes und der Einheit der Gegensätze. Den Gegensatz (die Unterscheidung) stellt eine schräge Linie im Bild dar. Von unten und von oben nähern sich Striche, aufgelöst, aber rhythmisch abfolgende Linien, die sich schließlich in der diagonale in einem einzelnen Strich treffen, der  Übereinstimmung. Durch das ganze Bild geht eine Bewegung von links unten nach rechts oben in entgegen gesetzter Richtung zu der nach links oben verlaufenden Diagonale.

Zitat von John Cage, Musiker und Komponist: „… Das ist eine sehr gute Frage. Ich möchte sie nicht durch eine Antwort verderben“.
Bild: Indem ich frage, habe ich bereits den Gegenstand der Frage verändert, ihm eine besondere Färbung gegeben. Diese Veränderung demonstriert Stankowski an einem auf der Spitze stehenden, gelben Quadrat, das mit grau unterlegt ist und dessen rechte Spitze freigelegt ist (wie die Öffnung durch die frage im Text), während ein gelber Anteil des Quadrates nach unten geklappt wurde.

Zitat nach Leibniz, Mathematiker und Philosoph: „Eine übergreifende Harmonie entsteht aus dem Umsprung von Störung in Fügung und von Unordnung in Stimmigkeit“.
Bild: Die 6 Prismenfarben enthaltende Dreiecke wurden so montiert, dass sie in der Mitte ein Sechseck ergeben. Während das Sechseck (schwarz) plötzlich als Zentrum der Stimmigkeit und Harmonie im Zusammenklang erscheint, bilden die Ecken und Kanten der Dreiecke eine Assymetrie (die Störung). Kern und Peripherie sind so miteinander verbunden und bilden eine Einheit.

Zitat Immanuel Kant, Philosoph: „Alle Erscheinungsformen enthalten das Beharrliche als Gegenstand selbst und das Wandelbare als dessen bloße Bestimmung.“
Bild: Das vorliegende Quadrat vertritt die Form des Beharrlichen, die beiden sich berührenden Farbbögen die Wandelbarkeit, die Berührung von zwei Ideen. Dieser Bild-Interpretation lag ein Signet für die polnisch-deutsche Richtervereinigung zugrunde.

Jochen Stankowski bezeichnet sich selbst als „Zeichensteller“, weil es ihm im angewandten Bereich, aber auch in der freien Kunst stets um die visuelle Zeichensprache, um die Suche nach Formen geht, die er „zum Sprechen bringen will“ (J.S.). Mit seinem Credo: „Jede Form löst eine Empfindung aus“ steht er fern vom Ästhetisieren, wenngleich im angewandten Bereich die Verführung dazu groß sind. Wichtig ist dem Künstler, das Prinzip, nach dem die Formen miteinander kommunizieren, unmaniriert immer wieder mit neuem Leben zu erfüllen.

Heinz Weißflog, Kritiker und Autor