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Friedrich Kracht und Jochen Stankowski
Maximilian Claudius Noack, Juli 2015

Lieber Jochen Stankowski, liebe Familie Kracht,
liebe Freunde, liebe Gäste,

»weniger ist mehr« - so weiß es der Volksmund und diesem Prinzip folgend präsentiert die Freie Akademie »Kunst+Bau« an drei Tagen sechsundzwanzig Werke von Friedrich Kracht und Jochen Stankowski. Zu Paaren geordnet und zusammengefasst durch ein, jedes Paar in besonderer Weise charakterisierendes Zitat, präsentieren sich diese Arbeiten unter anderem hier im Atelier von Jakoba Kracht, die zu diesem Zweck ihren Arbeitsraum zur Verfügung gestellt hat.

Mit dem Prinzip »Weniger ist mehr« kann man auch den Prozess der künstlerischen Gestaltung charakterisieren, dem beide Künstler mit ihrem Schaffen folgen und der von Systematisierung, Reduktion und Konzentration geprägt wird. Stilistisch können ihre Werke unterschiedlichen Tendenzen und Strömungen der Kunst im 20. Jahrhunderts zugeordnet werden, so der geometrischen Abstraktion, der Konkreten Kunst, der hard edge-Malerei, der op-art oder der minimal art. Alle diese Strömungen berühren einander und bilden gemeinsame Schnittmengen. Durch das Präferieren der klaren Form und der reinen Farbe möchte ich die Arbeiten von Friedrich Kracht und Jochen Stankowski insbesondere mit der Konkreten Kunst in Verbindung bringen.

Forschen wir zunächst nach den Wurzeln dieser Kunstauffassung: Aufbauend auf Kubismus und Futurismus entwickelte sich im zweiten Dezennium des vergangenen Jahrhunderts in ganz Europa eine Tendenz zu einer das konstruktive Moment und die reine Farbigkeit betonenden, abstrakten Kunst. Die bekannten politischen Entwicklungen in der Sowjetunion und im nationalsozialistischen Deutschland führten zu einem Exodus der Vertreter dieses künstlerischen Stils, der sich nicht zur politischen und emotionalen Propaganda totalitärer Systeme eignete. Der Verlust dieser künstlerischen Eliten für Mittel- und Osteuropa war für Westeuropa ein Gewinn. Auch hier hatte es mit De Stijl ähnliche Tendenzen gegeben, aber erst das Zusammenfinden aller, wenn auch verschiedener Strömungen der geometrischen Abstraktion gaben der entstehenden Konkreten Kunst den wesentlichen Impuls.

Es war die Zeit der Manifeste, die Zeit programmatischer Erklärungen gemeinsamer künstlerischer Positionen. Und so erklärt Theo van Doesburg 1930 die Konkrete Kunst als eine Kunst, die keinerlei Abbildfunktion besitzt - weder von Bildern aus der Natur, noch von Emotionen -, die zum Zwecke des künstlerischen Ausdrucks allein auf klare Formen und reine Farben zurückgreift und die - in Anknüpfung an Wissenschaft und Technik - einfach, exakt und nachprüfbar ist. Und Max Bill formuliert 1936, dass die Konkrete Kunst Ausdruck des menschlichen Geistes und zur Rezeption durch den menschlichen Geist bestimmt sei.  Sie ist - ich zitiere: »in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem mass und  gesetz, sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben, sie ist real und geistig, unnaturalistisch und dennoch naturnah.«

Von einer solch strengen Programmatik, die das Experimentieren und den schöpferischen Zufall aus dem künstlerischen Schaffungsprozess gänzlich ausschließt, hat sich die Konkrete Kunst zunehmend entfernt. Nach wie vor möchte diese Kunstrichtung vor allem Dinge für den geistigen Gebrauch schaffen, doch ist ihr heute eine strikte Abstraktion und das experimentelle Entdecken ebenso legitim, wie die künstlerische Visualisierung naturwissenschaftlicher Gesetze und Prinzipien oder abstrakter Ordnungen und Systeme.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die künstlerischen Arbeiten von Friedrich Kracht und Jochen Stankowski. Ihr Spektrum reicht von der Erforschung der räumlichen Wirkung zweidimensionaler Objekte, über die experimentelle Analyse der Farbwirkung wie sie seit Josef Albers bekannt ist, über die konsequente Abwicklung serieller Systeme bis hin zur Beschäftigung mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Phänomenen und deren Darstellung mit künstlerischen Mitteln. Linie, Kreis, Dreieck, Rechteck und Quadrat bilden die geometrischen Grundformen auf denen diese Arbeiten basieren. Die gestalterischen Wege, die diese Elemente bieten, werden unbeirrt bis zum Ende ihrer Möglichkeiten durchgespielt, ob als Einzelobjekt, ob als Fragment eines solchen oder in der Kombination dieser Elemente durch Verschmelzung, Überlagerung etc.

Friedrich Kracht ist der ältere der beiden Künstler, geboren 1925 in Bochum, folgte er 1949 seinem Lehrer Hans Tombrock von Dortmund zuerst nach Weimar und später nach Dresden, wo er seit 1951 tätig war und wo er 2007 verstarb. Ausgedehnte Reisen führten ihn für viele Jahre quer durch Europa und auf den schwarzen Kontinent. Zurückgekehrt nach Dresden, in die DDR, schlug ihm das geballte Misstrauen entgegen, das die Provinz einem Welterfahrenen entgegenbringen konnte. Vielleicht um sich nicht auch noch in künstlerischen Fragen angreifbar zu machen - die Formalismus-Debatte hatte ihren Höhepunkt zwar längst schon überschritten, doch war dieses Verdikt in Kunst und Gesellschaft nach wie vor präsent -, vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, den eigenen Beitrag für den Wiederaufbau seiner Wahlheimat zu leisten, brach Friedrich Kracht mit seiner bisher realistischen, künstlerischen Handschrift. Gemeinsam mit Karl-Heinz Adler und anderen verwirklichte er das Konzept der Künstlergenossenschaft »Kunst am Bau«, die für ihn auch zum künstlerischen Schutzraum wurde. Hauptaufgabe dieser Genossenschaft war es, als Dienstleister an der künstlerischen Ausgestaltung des industriellen Bauens in der DDR zu wirken und damit die Monotonie des typisierten Bauens zu durchbrechen. Dem schöpferischen Prinzip des Bauhauses ganz ähnlich, wirkten hier Künstler unterschiedlicher Disziplinen zusammen, um ein gutes, umweltgestaltendes, industrielles Design zu entwickeln. Wandgestaltungen, Raumobjekte und Spielgeräte, in Dresden erdacht und in Beton und Keramik hergestellt, fanden sich in der gesamten Republik. Das zusammen mit Karl-Heinz Adler entwickelte und patentierte Formsteinsystem strukturierte leere, industriell-hergestellte Fassaden mit eben solchen, seriellen Gestaltungsmitteln. In diesem Kontext fand Kracht jene Elemente, die auch sein freies künstlerisches Werk bestimmen: die Gerade, die Diagonale, das Winkelelement und das Kreissegment.

Anders der Weg von Jochen Stankowski. 1940 im Sauerland geboren, begann er, nach einer Schriftsetzerlehre, ab 1960 eine Ausbildung bei seinem Onkel Anton Stankowski, dem bekannten Designer und Werbegrafiker. Hier erwarb er nicht nur sein berufliches Rüstzeug, er kam durch diesen auch mit der künstlerischen Avantgarde Nachkriegsdeutschlands in Berührung. Nach einer Büropartnerschaft mit dem Onkel, führte ihn sein Weg über Köln, 1998 nach Dresden. Hier fand er eine produktive Künstlerszene vor, die sich - so wie er selbst auch - der konstruktiv-konkreten Kunst verpflichtet fühlte. Die künstlerische Arbeitsweise Jochen Stankowskis ist die selbe, mit der er auch Designaufgaben löst: Vom darzustellenden Inhalt ausgehend, entstehen gedankliche Bilder, diese werden abstrahiert und auf klare einfache Zeichen und Symbole reduziert.

Wie bereits der kurze Blick auf die Biografien beider Künstler zeigte, stehen sie - wenn auch indirekt - in der Nachfolge des Bauhauses: Friedrich Kracht zum einen durch sein Studium in Weimar - dem Ort an dem die Wiege des Bauhauses und damit auch der deutschen Moderne stand -, zum anderen durch sein Wirken in der Künstlergenossenschaft, die in ihrer Arbeitsorganisation ganz bewusst an das Bauhaus-Vorbild anknüpfte; Jochen Stankowski vor allem durch seinen berühmten Onkel, der nicht nur zahlreiche Vertreter der Bauhaus-Schule persönlich kannte, der darüber hinaus auch selbst an der Hochschule für Gestaltung in Ulm lehrte - einer Studieneinrichtung, die durch Max Bill und seinen Kreis geführt wurde und die sich als geistige Erbin des Dessauer Bauhauses verstand.

Auf der Suche nach Ähnlichkeiten im Werk von Friedrich Kracht und Jochen Stankowski  fallen dem Betrachter zuerst die äußerlichen Gemeinsamkeiten ins Auge: die Konzentration auf die reine Farbe und die reine Form, das Spiel mit dem Seriellen und das Experiment mit konkreten und paradoxen Formen. Vor allem letzteres erscheint mir ganz besonders reizvoll, denn vieles was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist es in letzter Konsequenz nicht und umgekehrt gibt es verschiedentlich Konstruktionen, die dem Betrachter scheinbar korrekt gegenübertreten, die aber ebenso paradox angelegt sind, wie die faszinierenden Grafiken eines Maurits Cornelis Escher. Und so finden sich auch im Werk von Friedrich Kracht so bekannte, geometrisch-unmögliche Figuren wie das Penrose-Dreieck, der unmögliche Würfel und die Möbius-Schleife.

Unter dem Titel SelbstÄhnlich präsentiert diese Ausstellung ausgewählte Arbeiten beider Künstler und stellt sie einander gegenüber. Selbstähnlich, dieser Begriff beschreibt in den Naturwissenschaften Gegenstände, geometrische Objekte und Mengen, die bei ihrer Skalierung dieselben oder ähnliche Strukturen aufweisen. Von dieser Bedeutung ausgehend wurde der Begriff auch auf Philosophie und Sozialwissenschaften übertragen, wo er stets wiederkehrende, in sich verschachtelte Prozesse und Strukturen beschreibt. Auch wenn es im künstlerischen Werk Friedrich Krachts und Jochen Stankowskis einzelne Objekte gibt, die einer solch strengen Definition entsprechen - ich denke dabei insbesondere an die Raumskulptur von Jochen Stankowski, die Sie im Garten besichtigen können -, bezieht sich der Begriff des SelbstÄhnlichen vor allem auf das Gesamtwerk beider Künstler und den darin vorhandenen gemeinsamen Tendenzen. In ihrer beider Werk steht als schöpferischer Nukleus jene Form im Zentrum der Betrachtung, deren Kraft sich vor allem in der Serie entfaltet und deren Wirkung durch Farbe und Farbwechsel verändert werden kann. Jedoch ist das künstlerische Werk von Friedrich Kracht und Jochen Stankowski trotz aller markanten Ähnlichkeiten dadurch geprägt, dass es dennoch jeweils Selbstständig bleibt.

»Weniger ist mehr« oder wie es Jochen Stankowski formuliert: »Reduktion ist kein Verlust, sondern Gewinn.«, dies charakterisiert das Schaffen beider Künstler auf das Trefflichste. In diesem Sinne möchte ich Sie einladen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Werk beider Künstler zu entdecken, ihre jeweilige Herangehensweise zu erforschen und sich von der gewinnbringenden Reduktion zu überzeugen. Ihre Arbeiten finden Sie nicht nur hier im Atelier, sondern auch im Garten und dem sogenannten „Parkettsaal“. Ich danke für ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns noch einen angenehmen Abend.

Maximilian Claudius Noack
Kunst- und Architekturhistoriker, Dresden