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»Aufhebung«
Zeitschrift für dialektische Philosophie            
Editorial, #10/2017

Verehrte Lesende,

Mit dieser Ausgabe erscheint unsere Zeitschrift in einer neuen Form. Die diesjährigen Feierlichkeiten des 90. Geburtstags von Hans Heinz Holz, an welchen unsere Gesellschaft organisatorisch, inhaltlich und personell umfangreich beteiligt war, boten die willkommene Möglichkeit zu Austausch und Vernetzung der an dialektischen Philosophie Interessierten. Eines der vielen Ergebnisse dieser Zusammentreffen ist, dass wir den Künstler und Grafiker Jochen Stankowski nicht nur als Freund und Förderer unserer Gesellschaft gewinnen konnten, sondern er sich darüber hinaus großzügiger weise dazu bereit erklärte, für uns eine an unserem philosophischen Programm orientierte formale Neugestaltung der ‚Aufhebung‘ vorzunehmen. Es ist uns als Gesellschaft eine große Ehre und Freude, mit ihm und seinem Werk in dieser Weise verbunden zu sein und wir sprechen ihm hiermit unseren von Herz und Kopf  kommenden tiefsten Dank aus.  

Jochen Stankowski, Jahrgang 1940 ist ein international anerkannter Drucker, Fotograf, Grafikdesigner und Maler. Er absolvierte eine Schriftsetzerlehre, studierte Typografie an der Hochschule des Grafischen Gewerbes Stuttgart  und war Design-Spezial-Student am London Collage of Printing. Lange Zeit war er als Partner im Atelier seines Onkels Anton Stankowski tätig, einem der Pioniere des Grafikdesigns, bedeutender konstruktiver Künstler und Gestalter des Emblems unserer von Hans Heinz Holz herausgegebenen Vorgängerzeitschrift ‚Topos - Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie‘.

Nach Hans Heinz Holz zeigt sich im Kunstwerk die Subjekt-Objekt-Dialektik im Modus der Anschauung. Das Kunstwerk ist sinnlich Reflexion, in welchem sich gegenständlich im sinnlich-anschaulichen Gehalt ein ontologisches, ein historisch-gesellschaftliches und ein psychologisches Verhältnis des Menschen zur Welt objektiviert und die Sinndimension menschlicher Wirklichkeit als Wiederspiegelungsverhältnis intuitiv erfahrbar wird. »Die bildende Kunst leistet also auf dem Boden der Sinnlichkeit das, was die Sprache durch Überführung des Wahrgenommenen in die Unsinnlichkeit des Begriffs erreicht: die Konstruktion von Bedeutungen, das heißt Allgemeinverständlich, die unsere gemeinsame Welt bilden. In der Kunst wird den Sinnen Sprache verliehen.« (Hans Heinz Holz 2015. Freiheit und Vernunft - Mein philosophischer Weg nach 1945. Aisthesis: Bielefeld, 186)

Die sich im 20. Jahrhundert vollzogene Wende in der Kunst weg von Darstellungen, die sich auf die dingliche Gestalt von Wahrnehmungsinhalten beziehen, hin zu einer rein auf Formgehalte des Sehens sich beschränkende ‚konkrete‘ Kunst, führte zur Möglichkeit aufzuzeigen, dass die reinen Formen an sich selbst und in Konfigurationen Träger von Bedeutungen und als solche Gegenstände unserer Wirklichkeitsrezeption sind. Jochen Stankowski steht vor allem – aber nicht alleine – mit seinem bildnerischen Werk in dieser bedeutenden Traditionslinie.

Insbesondere seine Arbeit zur ‚Dialektik des Sehens‘ (Jochen Stankowski. 1984. Einheit der visuellen Gegensätze. Versuch zur Dialektik des Sehens. 36 Begriffspaare. Stuttgart: ed.co.) zeigen in ihren Formen den syntaktischen Ursprung von Bedeutungen. Gleichwie eine bestimmte Bedeutung eines Wortes an seinen grammatischen Eigenschaften wie aus seiner syntaktischen Stellung in einem Satz und Textgefüge im Kontext der anderen syntaktisch und grammatische bestimmte Wörter hervortritt, so erwächst auch in der bildenden Kunst bestimmte Bedeutung eines Bildelements aus der Ordnung des ganzen Werkes.

In Jochen Stankowskis Arbeiten bilden die visuellen in einander übergehenden bestimmten Gegensätze (sprachlich ausgedrückt als: groß-klein, dick-dünn, lang-kurz, rund-eckig, schmal-breit, krumm-gerade, spitz-stumpf, linear-flächig,viel-wenig, ganz-geteilt, eng-weit, leer-voll, gleichmäßig-ungleichmäßig, symmetrisch-asymmetrisch, zentral-dezentral, durchsichtig-undurchsichtig, sichtbar-unsichtbar, positiv-negativ, stracks-indirekt, schwarz-weiß, hell-dunkel, matt-glänzend, rechts-links, oben-unten, vorne-hinten, innen-außen, über-unter, tief-hoch, drauf-drunter, waagerecht-senkrecht, steil-flach, schräg-gerade, weit-nah, ab-an, stehen-fließen, vor-zurück ...) den Ausgangspunkt für eine Erkundung der Bandbreite menschlicher Erfahrung. Er möchte mit seinen Bildern zeigen, was und wie wir denken. Seine geometrische Formen wechseln zwischen Gedanken und Bildebene und beginnen in der Verschränkung von Verbalem und Non-verbalem zu sprechen. Ganz in diesem Sinne hat Jochen Stankowski das nunmehrige Aussehen der ‚Aufhebung‘ gestaltet und mit seinem Design ‚Kippen: waagerecht-senkrecht‘ ganz die philosophische Grundlage und das wissenschaftliche Programm unserer Zeitschrift versinnlicht-veranschaulicht: die Negation, die Aufbewahrung und das auf eine höhere Stufe Heben der dialektischen Philosophie. (...)

Vorwort zur Ausgabe ‚Aufhebung‘ 10/2017,
Bestellung: http://www.dialektik-salzburg.at/?page_id=239