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Bild und Schrift
Rede zur Ausstellungseröffnung
im Sächsischen Landtag am 6-11-2000

Als Jurymitglied dieser Ausstellung (Für Vernunft, gegen Hass + Gewalt, Gleichgültigkeit + Lethargie) und als Maler und Grafiker hoffe ich, daß wir Entwürfe ausgewählt haben, in denen Formen und Texte vorkommen, die Gefühl und Bewußtsein des Betrachters erreichen.

Alle acht der prämierten Plakate arbeiten mit Bild und Schrift. In einem Plakat wird die Schrift zum Bild, in einem anderen ist die Schrift nur gestalterisches Beiwerk.

Bild und Schrift sprechen uns auf verschiedenen Ebenen an: nämlich das Bild unser Empfinden und die Schrift unser Denken. Unsere Kultur hat lange Erfahrung mit dem Alphabet. Wir können uns kaum in eine Zeit versetzen, als es noch kein Alphabet gab. Vielleicht haben wir noch ein wenig Erinnerung an unser Vorschulalter. Wir haben keine Ahnung, wie vor der Erfindung der Schrift gesprochen wurde. Es war die Zeit der Mythen, was auch 'mit geschlossenem Mund' bedeutet. Damals haben wahrscheinlich die Menschen geraunt und gestammelt.

Nicht jedes Bild lässt sich von jedem Betrachter gleich empfinden und entschlüsseln. Jeder Mensch hat seine eigene Assoziation, macht sich sein eigenes Bild, aus seiner Kultur heraus, aus seinem Milieu. Das Lesen eines Bildes ist ganz individuell. Der Ablauf beim Betrachten ist vielleicht durch die Größe der Formen oder die Heftigkeit der Farben ein wenig vorgegeben. Die Augen springen, suchen sich mit dem Empfinden die Reihenfolge. Das Gefühl macht sich seine eigene Geschichte, sein eigenes Bild vom Bild und meistens wird man sich dessen nicht einmal bewusst.

Die Schrift dagegen ist linear. Denken Sie an ein Buch: die Zeichen werden zu Schriftlinien. Mit Hilfe des Alphabets wurde das mythische Geplappere der Menschen begradigt, damit es eindeutig einer Zeile entlang bis zum Schlusspunkt laufen konnte. Damit wurde der Mensch erst kompetent, die richtigen Fragen zu stellen, richtige Befehle zu erteilen, richtig zu erzählen und erklären. Schrift wurde erfunden, um das mythische Sprechen durch das logische Sprechen zu ersetzen.

Sie kennen die Geschichte aus dem Alten Testament vom Tanz um das Goldene Kalb. Moses hatte erkannt, dass das Volk, die archaische Menschheit, neue Gesetze braucht, die nicht aus den Naturzwängen kamen. Mooses stieg, um das archaische Empfinden hinter sich zu lassen, auf den Berg Sinai, blieb dort einige Tage und kam mit dem Alphabet wieder, Tafeln mit Texten, Tafeln mit Gesetzestexten.

Die zurückgebliebenen Menschen ahnten, dass der Ausflug von Moses ihrem frei assoziierten Leben eine andere Form geben würde. Und so boten sie noch einmal all ihre mythischen Fähigkeiten auf und schufen ein Bild, ein Standbild: Ein Schaf aus Gold. Die Faszination Gold hat die Zeiten überdauert. Gold strahlt, das Auge wird angezogen, eingesogen und auch abgestoßen. Der Fluch, der auf dem Gold liegt, ist die Gier nach Macht. Gold ist himmlisches Feuer, das auf die Erde fiel. Ein wenig davon ist in Dresden an den vielen Spitzen, die in den Himmel ragen, hängen geblieben. Die Sonne ist das alte chemische Symbol für Gold.
 
Und die Menschen feierten und tanzen um das Kalb, um ihr Bild. Und sie tranken und lachten und weinten und stritten - was weiß ich was sie noch taten! Und sie gaben sich ihren Gefühlen hin. Die Menschen korrespondierten durch ihr mythisches Erbe mit dem goldenen Kalb und versanken in ihren individuellen Rhythmus und die gemeinschaftliche Trance.

Noch heute haben die Machthaber autoritärer oder fundamentalistischer Gesellschaftsformen Angst vor dem Bild. Sie wissen nicht, was im Betrachter geschieht, können es nicht beeinflussen. Deshalb werden die Bildermacher beeinflusst.

Wir haben nun beides: Bild und Schrift. Das gestellte Wettbewerbsthema 'Hass - Gewalt - Gleichgültigkeit - Lethargie' wurzelt im archaischen Erbe. Und da ist es folgerichtig, Bilder zu suchen, an Symbole anzuknüpfen, die gemeinsam verstandene Bilder geworden sind.

Die jetzige unglückliche Trennung zwischen angewandter Grafik und Malerei ist hier in den Plakaten aufgehoben. Ältere Gebrauchsgrafiker (jetzt heißt es Grafik-Design) wie Albrecht Dürer oder Jörg Ratgeb haben sich ihren gestellten Tagesaufträgen gewidmet. Goya hat mit der Serie der Caprichos in den politischen Tageskampf eingegriffen. Schon 1550 war es bereits so weit, dass in Frankreich das Gewerbe verpflichtet wurde, Firmenschilder so zu zeigen, dass auch Analphabeten wussten, warum es ging. Eine Auflage, die auch jedem politischen Plakatkünstler heute noch gestellt ist.

Diese Ausstellung ist eine Schau zur AnStiftung. Sie ist an jeden Betrachter ein bildhaftes Angebot an sein mythische Erbe und ein schriftlicher Appell an die Vernunft, Hass + Gewalt, Gleichgültigkeit + Lethargie zu empfinden, zu verstehen und zu überwinden.

Jochen Stankowski