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Licht durch Schatten
Konstruktivistische Architektur des Südens
Stephan von Wiese, 2002

Licht und Schatten in der Kunst sind herausragende Mittel der Gestaltung, machen Realität erst sichtbar – etwa in der Malerei des lmpressionismus. Licht und Schatten können aber auch direkt zum künstlerischen Werkstoff werden. Dann entmaterialisiert sich die Kunst – etwa beim "Licht-Raum-Modulator" von Laszlo Moholy-Nagy, beim Licht-Ballett von Otto Piene. Das bewegte Licht, der bewegte Schatten im Raum konstituieren die entmaterialisierte, gleichsam auf ihren geistigen Begriff gebrachte Skulptur.

Die "gegenständliche Architekturmalerei" von Jochen Stankowski zeigt das Wirken von Licht und Schatten dagegen in Form und Farbe, in Gestalt von konstruktiven Bildern. Im Prinzip ist der Konstruktivismus ungegenständlich, auch wenn es immer wieder Debatten über seine verdeckt zugrundeliegende "lkonographie" gegeben hat. Bei dem großen Werkkomplex Stankowskis, der 1994 mit einer Tunesienreise einsetzt, wird dies zur Methode: die geometrisierende Gestaltung basiert auf realen Szenen, es handelt sich um Transpositionen von Motiven in Orten des nahen Orients mit ihrer verschachtelten, kantigen und flächigen Architektur. Die Verwandlung von "Häuserbildern" in geometrische konstruktive Werke haben die Pioniere der 20er Jahre durchaus erprobt, etwa Walter Dexel. Stets aber waren diese Kompositionen ideeller Natur, nicht Abbild, sondern im Atelier konzipiert. Bei Stankowski ist das Gefüge der Konstruktion vor Ort gesehenes, erlebtes, fokussiertes reales Bild. Mit einem Schlagwort gesagt: Hier arbeitet ein impressionistischer Konstruktivist.

Die weißen nordafrikanischen Städte haben für das Auge des Malers die Anmutung einer Sonnenuhr. Die zerklüfteten Architekturen sind Agglomerate ständig sich wandelnder Licht- und Schattenfelder, sie transformieren sich wie in einem Stummfilm beim Wandern des Lichts in immer wieder andere Formgefüge. Der Schatten gräbt tiefe dunkle Höfe ins Weiß, das Licht schneidet Rhomben, Quadrate, Dreiecke ins Schwarz. Schräg zum Licht gestellte Flächen werden zum diffusen Grau. Überwölbt wird dieses Architekturgefüge vom bekrönenden Blau, das in die Architektur einbuchtet, in das die Gesimse und Kuppeln einschneiden. Denn alle Kanten, Linien sind hier scharf gezogen. Ein den Geist, das Auge und das Gefühl des Betrachters bewegendes Formenrepertoire entwickelt sich. Mit der besonderen Intensität der Eindrücke schärft der Orient alle sinnliche Wahrnehmung. Wohl schon deshalb ist er immer wieder ein großes künstlerisches Inspirationsfeld gewesen. Das haben zum Beispiel die drei Maler Macke, Klee und Moilliet 1914 auf ihrer berühmten gemeinsamen Tunisreise erfahren. "Die Farbe hat mich", schrieb damals Paul Klee. Das farbige orientalische Leben, das Zusammenspiel von Architektur mit dem bunten Dekor des täglichen Lebens und der Vegetation regte ihn an zu leuchtenden, kubistischen
Kompositionen, das Ornament des Orients wurde zum farbigen Bildteppich.

Das orientalische Leben selbst ist bei Stankowskis Architekturbildern – in Marokko, Tunesien, Ägypten, auf Zypern und Lanzarote entstanden – dagegen ausgeblendet. Die Architektur präsentiert sich pur, nur hier und dort dringen rhythmisierende Bauornamente ein: Stufen, Pfeiler, Gesimse. Mit dem Auge des konstruktiven Künstlers hat Jochen Stankowski aus diesem Kaleidoskop der scharf sich abzeichnenden Formen wie mit dem Messer seine Bildmotive herausgeschnitten. Keine Rolle spielen die Größenverhältnisse: kleine Details werden genauso zu Bildern wie größere Baublöcke. Der Blick fokussiert sich auf immer wieder andere überraschende Formmotive. Licht und Schatten sind dabei auch das Äquivalent von heiß und kalt, Gegensätze prallen aufeinander. Die Skizzen sind Ausdruck komplexer sinnlicher Wahrnehmung.

Etwa 400 der kleinformatigen Skizzen im Format von 4 1/2 x 4 1/2 cm sind mit Aquarell und Tempera vor Ort entstanden. Diese Skizzen mit ihrer dezenten Farbigkeit – neben Blau, Schwarz, Weiß und Grau erscheinen gelegentlich Ocker und Grün – sind Album und Ideenkammer, haben als Miniaturen die Frische des unmittelbaren Seherlebnisses.

Ein zweiter Werkkomplex sind die Fotografien als Erinnerung wachhaltendes, Erlebnis einfrierendes Medium. Im Labor sind diese Fotos ein ständig wieder wachzurufendes Repertoire. Mit dem Teleobjektiv werden zielgerichtet sogleich bestimmte Formmotive angepeilt, dabei unterscheidet sich der künstlerische Blick nur wenig von demjenigen bei den Skizzen. Neben Detailaufnahmen stehen – schon zur Orientierung – auch eine Reihe von Panoramaansichten.

In den (bisher ca. 100) Bildern im Format 70 x 70 cm oder 30 x 30 cm, Acryl auf Holz und Leinwand, fließt alles zusammen. Sowohl Skizzen wie Fotos werden detailgenau aufgegriffen und auf ein größeres Format gebracht. Beim Gemälde nun wird das konstruktive Städtebild autonomes Werk. Dieser Werkkomplex verbindet sich mit den vorausgegangenen Zeichen- und Symbolbildern Stankowskis, etwa mit der Bildserie "Dialektik", mit der Visualisierung von Brücken, Grenzen, von YinYang-Zeichen oder anderen Motiven. Diese früheren oder auch parallel entstandenen Bildserien sind im Atelier konstruiert. Die Orientbilder bringen dagegen die sinnliche Atmosphäre, wenn man so will, das Parfüm des Süden ins Werk.

Im Zusammenspiel der Bildgattungen ist der Werkkomplex darüber hinaus ein interessanter Beitrag zur augenblicklichen Mediendiskussion. Bei Stankowski hat kein Medium Vorrang vor dem anderen. Es gilt weder der Primat der Malerei noch derjenige der Fotografie. Jedes Werk, jedes Medium hat sein eigenes Gesetz. Der Konstruktivismus kennt als Denkrichtung keine Rangordnung.

Siehe auch: http://www.atelier-stankowski.de/publikationen.php?id=36