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Gefächertes und Gebrochenes
Jochen Stankowski versucht sich an der Dialektik des Sehens
Andres Rook, Dresdner Neueste Nachrichten, 2006

Vier Punkte bilden ein unsichtbares Quadrat. Ein Strich von links unten nach rechts oben drückt Dynamik aus, eine positive Bewegung.  Wer diesen Gedanken folgt, kann in der oberen Fläche eines Quadrats auch die Funktion "Herrschen" erkennen und in der unteren "Unterdrücktheit", die Mitte aber bedeutet "Berühmtheit" ebenso wie "Unbekanntheit".

Diese Erklärungen gibt Jochen Stankowski auf Tafeln in seiner neuen Ausstellung, die er" Einheit der visuellen Gegensätze" nennt. Groß und klein, dick und dünn, viel und wenig, weit und nah, stehen und fließen - 36 Begriffspaare bilden die Vorlage für 59 Bilder und 9 Plastiken. All die sind in der Galerie "Konkret" auf der Rothenburger Straße zu sehen, vor wenigen Monaten erst eröffnet.

Wie ein Pfeil durchbohrt eine graue Linie einen blauen Kreis. Ein rotes Dreieck spiegelt sich hinter einem Strich. Ober einen weißen Untergrund spritzen zerstückelte Linien. Die Farben auf den regelmäßigen Tafeln entsprechen den Komplementärfarben, die, Bildsprache ist konkret-konstruktivistisch. Hier gibt es Aufgestapeltes, Gefächertes, Umgekipptes, Gebrochenes, Perspektivisches, Eindimensionales - alles wohl geordnet. Dem Künstler Jochen Stankowski geht es darum, die Dialektik der Dinge sichtbar zu machen. Also weniger um Leidenschaft als um Wissenschaft.  Hier herrscht der Wunsch, den Spuren des uns Umgebenden zu folgen.  Bis zum letzten, endgültigen Gegensatzpaar - Sein und Nicht-Sein -, sozusagen.

Was diese Ausstellung betrifft, sei zuerst die Idee da gewesen.  "Ich habe gesucht, wie andere Künstler Gegensätze visuell dargestellt haben und nichts gefunden", sagt Jochen Stankowski.  "Also habe ich es selbst gemacht." Stankowski, der Galerist, will mit seinen neuen Räumen ein'e Adresse für konstruktivistische Kunst schaffen. Er folgt den BildKonzepten von Kasimir Malewitsch, EI Lissitzky, der niederländischen Gruppe De Stijl und des deutschen Bauhauses. Immer geht es dabei um die Reduktion des Umgebenden bis hin zur Gegenstandslosigkeit, zum Gestaltverlust der Natur. Die Reduktion ist mehr, sagt der Theoretiker, und gipfelt im Archaischen, das heißt Allgemeingültigen.  So wie unsere Vorfahren für ihre Höhlenmalereien nicht mehr als ein paar Punkte und Linien brauchten.

Jochen Stankowski kam 1998 nach Dresden - als erster Stadtmaler. Von dieser Initiative eines Freundes blieb nur die Idee, denn im Gegensatz zum Projekt Stadtschreiber fand sie keine Förderung. Ein Stadtmaler - das schien zu abwegig.  Als seinen wichtigsten Lehrer nennt der 1940 in Meschede/Ruhr Geborene seinen Onkel: Anton Stankowski (1906-1998) war Begründer einer neuen gestalterischen Auffassung von "konstruktiver Grarik", Wegbereiter für künstlerische Produkt- und Markengestaltung und Vorbild für Generationen von Grafik-Designern. In dem gemeinsamen Atelier entwickelten Anton und Jochen Stankowski in den 70er Jahren solch bekannte Marken wie Rewe. 1974 wurde Jochen Stankowski Mitherausgeber der Initiativenzeitung "Kölner Volksblatt" und setzte politische Aktionen von Hausbesetzern bis Umweltschützern gestalterisch um. Auch heute noch überlegt der Grafiker, wie er - zum Beispiel für die Dresdner Firma Radioplan - Unsichtbares wie Radiowellen sichtbar machen kann. Für ihn, der an der Hochschule des Grafischen Gewerbes Stuttgart Typografie und am College of Printing in London Design studierte, ist der Prozess der Ideenfindung derselbe, ob er nun für eine Firma, eine Bürgerrechtsbewegung oder im eigenen Auftrag arbeitet.

Vor seiner Ausstellung zeigte Jochen Stankowski den Dresdner Konstruktivisten Friedrich Kracht.  Weitere Projekte zu konkreter Kunst sollen folgen. Jedenfalls hat der "Zeichensteller" nicht so bald vor, Dresden wieder zu verlassen. Ihm gefallen die Dimensionen der Stadt, der Fluss und dass man am anderen Ufer einen Bekannten noch erkennen kann.  Und außerdem hat er sich hier verliebt.

Andrea Rook


siehe auch: http://www.atelier-stankowski.de/publikationen.php?id=34