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Deutsche Buchumschläge
Stephanie Wurster
Die Zeit, 25/2001

Deutsche Buchumschläge sehen leider meistens unschön aus. Liegt das daran, dass Verlage immer noch denken, dass Hochkultur sich ja nur über den Inhalt und nicht über die Oberfläche erschließt? Oder sind es die schlechten Grafiker? Es könnte auch sein, dass viele Autoren einfach zu doof sind, Verantwortung zu übernehmen. Wenn sie ihr Manuskript erst mal verkauft haben, sind sie so glücklich, dass sie sich um gar nichts mehr kümmern. Aber es gibt auch Ausnahmen. Leute, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Leute wie Rainald Goetz. Der schreibt nicht nur seine Bücher selber, sondern auch die Klappentexte, liefert das Bildmaterial, und er mischt beim Cover mit. Die anderen, die so genannten Popliteraten, konzentrieren sich da mehr auf den Buchrücken. Dort befindet sich fast immer eine Versuchsanordnung mäßig autorisierter Kaufempfehlungen. Das ist ein völlig anderes Verständnis von Corporate Design als bei Rainald-Goetz-Büchern.

Wenn man zum Beispiel den internationalen Merve-Diskurs Nummer 236 anschaut, Jahrzehnt der schönen Frauen - er hat dieselbe rote Farbe wie alle Veröffentlichungen von Goetz' Gegenwartszyklus Heute Morgen - und nach Kaufempfehlungen auf der Rückseite sucht: nichts zu finden. Dort steht stattdessen: Ich bin inzwischen nach Paris gebracht worden. Was mag das bedeuten? Paris heißt nämlich nicht nur die französische Hauptstadt, sondern auch die 50jährige Mitherausgeberin des Merve Verlags mit dem schönen Namen Heidi Paris.

Merve-Titel haben immer farbige Rauten außen drauf, die ein aufgeschlagenes Buch symbolisieren, entworfen vom Grafiker Jochen Stankowski. In diesem Design sind auch die Texte von Michel Foucault erschienen. Sein berühmtes Buch Überwachen und Strafen (1977), das die Entwicklung der Disziplinargesellschaft aus dem Geist der französischen Internierungen beschreibt, gibt es allerdings bei Suhrkamp, dessen Cover-Layouts schon lange von einem Raster des genialen Twen-Art-Director Willy Fleckhaus bestimmt sind.

Hat Rainald Goetz, der stilbewusst nur bei Merve und Suhrkamp veröffentlicht, vielleicht an die französischen Gefängnisse und an Heidi Paris gedacht, als er den Satz schrieb? Hat man ihn gewaltsam nach Paris gebracht? Was vorgefallen ist, bleibt sein Geheimnis. Goetz hat jedenfalls ein neues Buch daraus gemacht, das keine Kaufempfehlung braucht. Nur Leser, die schauen können.

Rainald Goetz, Jahrzehnt der schönen Frauen, Merve Verlag, 25 Mark
http://www.merve.de/katalog-a-bl.html