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Politische Plakate - aus 5 Jahrzehnten
Helmut Höge, Junge Welt 8.12.2020

Abbildungen oben und unten: Plakatwand der Ausstellung 'AnSchläge', im Käthe Kollwitz Haus Moritzburg

Ich erinnere mich, wie in den 70ern in Westberlin das wilde Plakatieren losging. Da ging es um linken Veranstaltungen und Protestnoten, nicht selten waren es vergrößerte Flugblätter. Aber dann fingen auch die hippen Geschäftsleute an, für ihre Events und Etablissements mit Plakaten zu werben, und wenig später gab es bereits andere hippe Geschäftsleute, die das illegale Kleben von Plakaten an Hauswände, öffentlichen Toiletten und Buswartehäuschen übernahmen. Sie heuerten wilde Typen an, die ein bisschen Geld brauchten und nachts mit einem Eimer Kleister und einem dicken Pinsel die Plakate überall hinklebten. Manche Laternenpfähle waren so dick ummantelt, dass sie umzufallen drohten.

Zunächst sahen wir diese »Bewegung« durchaus mit Wohlgefallen, als subversive Reaktion auf die legalen Werbeplakate und sonstigen Werbemaßnahmen, welche die Stadt zunehmend verschandelten. In Berlin gibt es heute eine Bürgerinitiative, die den Werbewahn eindämmen möchte, aber da die kapitalistische Produktion von Anfang an eine Überproduktion ist, die nur mit Tricks und ungeheurem Werbeaufwand abgebaut werden kann, stehen sie vermutlich auf verlorenem Posten.

Die illegalen linken Plakate sieht man dafür immer seltener. Sie wollen nichts verkaufen, sondern aufklären. Die Brüder Jochen und Martin Stankowski haben in der Ausstellung »Anschläge – Plakate aus fünf Jahrzehnten« (zu sehen in Moritzburgf) eine Rückschau unternommen. »Plakate gehören an die frische Luft«, schreibt Jochen Stankowski im Katalog. Der heute in Dresden lebende Plakatkünstler gründete mit seinem Bruder 1972 in Köln eine Druckerei, in der sie das Kölner Volksblatt und politische Plakate herstellten.

Es gab damals eine Vielzahl von linken Blättern aller nur denkbaren sozialen und kulturellen Felder. »Wenn man die Ergebnisse im Überblick betrachtet, wird deutlich, dass die ästhetische Qualität in dem Maße zunimmt, wie ihre moralische Zumutung nachlässt«, heißt es im Katalog. Gemeint ist damit, dass diese ganzen Printmedien zwar nicht länger auf billigen kleinen Druckmaschinen hergestellt werden, aber dafür auch nicht viel mehr als Warenwerbung enthalten.

In den 70ern entstanden »zahlreiche Plakate und Flugblätter, Wandzeitungen und Extrablätter als interventionistische Medien für die ›Sozialistische Selbsthilfe Köln‹«, etliche sind im Katalog dokumentiert. Die SSK engagierte sich anfangs für Heimkinder, Knackis, Psychiatriegeschädigte und Obdachlose – sie verfolgte dabei eine »Randgruppenstrategie«, wie sie u. a. Herbert Marcuse vorschlug, der das Industrieproletariat, weil längst integriert, quasi abgeschrieben hatte. Auf seinem Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof steht: »Weitermachen!«

Der Kölner Anwalt für Kunst- und Medienrecht, Louis F. Peters, schreibt im Katalog: »Der Nährboden und die Wirkungsstätte des politischen Plakats ist die Straße, der öffentliche Raum. Aus diesem Paradies darf es keine Vertreibung geben.« Von vielen privaten Klebeflächen wurden die Plakate oft sofort entfernt – und Herstellern und Klebern mit Strafverfolgung nicht nur gedroht. Erst als die nächste Generation dazu überging, statt Plakate zu kleben, mit Farbspraydosen ihre Parolen, Sprüche und Tags überall hinzusprühen, knickten die Eigentümer der Klebeflächen ein: Einige Städte wurden buchstäblich zugesprüht. Allerdings gab es auch polizeiliche Ermittlungsgruppen, die hinter den Sprayern her waren, und es gab auch immer wieder Mütter, die 800 DM zahlen mussten, um eine Hauswand wieder sauber zu kriegen, weil ihre Söhne erwischt worden waren, als sie Sprüche wie »Keine Rinderzucht auf Regenwaldböden« darauf sprühten.

Die Druckerei der Stankowskis arbeitete u.a. mit Günter Wallraff zusammen, später auch mit Hausbesetzern, die »Plakateinladungen« zur Besichtigung ihrer Häuser drucken ließen, ferner mit reichlich Text versehene Plakate gegen den Allianz-Konzern, das Finanzgebaren der Stadtsparkasse und das für Köln sauteuer gekommene Museum des Schokoladenkönigs Ludwig. Ähnliche Skandale griff auch die von den beiden erfundene, zwischen 1982 und 1985 erschienene Kölner Wandzeitung auf.
 

Katalog 'AnSchläge' Verlag der Buchhandlung Walther König Köln, 15 Euro, mehr Infos hier

 

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