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Bewegung - Utopie
Inspiration Kunst+Technik, Sammlungen TU-Dresden
Katalogtext Reinhard Hellrung, 2004-2005

Jochen Stankowski, Kinetisches Quadrat, Weg mal Geschwindigkeit, 60 × 60 × 8 cm, 1965 - Ausgehend von einem weißen Quadrat entstehen durch die von einem Motor angetriebenen, kaum merklichen Drehungen der Kreisscheiben immer neue Formen.

"Die Darstellung von Bewegung, Dynamik und Aktion ist eines der fesselndsten Themen künstlerischer Arbeit seit der Antike. Immer wieder wurden Motive z.B. von Schlachtengetümmel, Naturgewalten oder sonstigen dramatischen Handlungen effektiv voll in Szene gesetzt. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts blieben die Werke allerdings statisch. Ob galoppierende Reiter, stürmische See oder handelnde Figuren - die Bewegung selbst blieb quasi eingefroren in der zweiten oder dritten Dimension des Tafelbildes oder der Skulptur. Erst als sich die Kunst von der illusionistischen Darstellung des Gegenständlichen löst und die konkreten bildnerischen Elemente zu eigenständigen, autonomen Themen erhob, schlossen sich dem Künstler neue Möglichkeiten. Nicht mehr die Abbildung von Bewegung und Handlung, sondern die Bewegung als solche konnten nun zum Bildthema werden. Die vierte Dimension, die Zeit, als Abfolge realer Bewegungsabläufe, erhielt Einzug in die bildende Kunst.

Einen ersten Höhepunkt erreichten die Neuerungen bei den Konstruktivisten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie bezogen neue Materialien und Techniken des Industriezeitalters wie Metalle, Kunststoffe, Licht und Motoren in ihre konkreten Kompositionen und Objekte mit ein. Bewegung wurde nun zu einem eigenständigen bildnerischen Element wie Farbe, Linie, Form und Komposition. Der Amerikaner Alexander Calder entwickelte in dieser Zeit das Mobil beim Versuch, seine abstrakten Farbkompositionen in Bewegung zu versetzen.

Nach dem 2. Weltkrieg gerieten diese Ansätze kurzfristig in Vergessenheit. International dominierte für mehr als ein Jahrzehnt die Informelle Malerei die Kunstszene. Erst als sich die jüngeren Künstler in den 50er Jahren mit frischem Elan gegen das Informelle auflehnten und nach neuen Aludrucksformen suchten, wurde u.a. auch konstruktivistische Ideen wieder interessant. ... Über die Suche nach neuen künstlerischen Materialien und Ausdrucksmöglichkeiten, über Strukturbilder und OpArt geriet nun auch wieder die Bewegung selbst ins Blickfeld und bildete sich schnell eine neue, eigenständige Kunstrichtung heraus, die Kinetik.

Vor dem Hintergrund der parallel sich entwickelnden PopArt und den Theorien eines erweiterten Kunstbegriffs halten auch Motive und Materialien des Alltags, der Konsumwelt und 'Werbung Einzug in die Kunst und damit auch in die Kinetik. Licht und Schatten,., Lautsprecher, Neonröhren, Spiegel, Motoren, Magnete und Elektronik - alles wird nun eingesetzt um die bildnerischen Möglichkeiten von Bewegung auszuloten. Auch die Distanz Betrachter-Kunstwerk kann dabei aufgehoben werden: dort nämlich, wo die Bewegung nicht durch Licht, Luftzug oder einem Motor erzeugt wird, sondern wo der Betrachter selbst durch Berührung, Anstoß, Knopfdruck oder Ähnliches die Bewegung auslösen muss. Hierbei manifestiert sich das Kunstwerk, seine reale Existenzform, erst im Kontakt mit dem Betrachter."

Abb. unten: Neue Formen durch die Bewegung der vier Kreisscheiben und Konstruktion: Auf ein Quadrat 50 × 50 cm wurde ein Kreis mit dem Radius 50 gelegt, der genau die Außenlinie abdeckt. Dann wurden zwei sich tangierende Kreis angefertigt, deren Mittelpunkte auf der Außenlinie des Quadrates liegen. Das dann entstehende Viereck aus vier Kreismittelpunkten hat völlig unterschiedliche Winkelgrade. Erstaunlicherweise gibt es keinen einzigen rechten Winkel. »Ich habe das Viereck mal durchgerechnet. Ergebnis: Die Diagonalen schneiden sich fast im rechten Winkel, Prof. Gert Bär, Mathematiker, TU Dresden