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Gedanken zum Konstruktivismus
1915 -> 1945 -> 2015
Jochen Stankowski nach Horst Richter

Viele bildende Künstler wurden nach 1933 mit ihrer Stimme unterdrückt, ja, persönlich gefährdet, vermochten sich der Öffentlichkeit nicht zu präsentieren, geschweige denn wegweisend in die allgemeine Kunstentwicklung einzugreifen. Das hat in erster Linie den Konstruktivismus betroffen, insbesondere nach der Westwanderung seiner revolutionären russischen Garde. Nicht nur die Russen kamen, auch Polen, Ungarn, Holländer. Aus konstruktivistischen Teilströmungen unterschiedlicher Tendenz (wie etwas Stijl und Suprematismus) erwuchs eine Synthese, deren Vorzug es war, praktische Lösungen für die geforderte Annäherung von Kunst und Leben, Kunst und Gesellschaft, Kunst und Technik zu bieten.


Nach 1915

Bei den Alt-Konstruktivisten (besonders bei den Russen) löste die Begegnung mit den Wissenschaften und deren industriellen Folgen eine schier unglaubliche Faszination aus. Das ist verständlich, denn noch aus dem 19. Jahrhundert heraus galten ästhetische Grundregeln, die eine Verbindung des naturwissenschaftlichen Denkens und Tuns für den Kunstbereich ausschlossen. Die akademischen Würdenträger sahen hier das eine, die ‚schönen Künste’, dort das andere, die ‚hässliche’ Wissenschaft. Plötzlich wurde zwischen beiden, scheinbar unendlich weit auseinander liegenden Polen eine Brücke geschlagen. Malewitsch sprach 1913 davon die ‚Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien’. Die Suprematistin Nadesha Udalzowa schrieb 1915: ‚Wo doch die Naturwissenschaft die Evolutionstheorie längst akzeptiert hat, da soll ausgerechnet die Kunst auf der Stelle treten und sich in alten Wahrheiten ausleben?‘. Die De Stijl-Gruppe hielt 1918 in ihrem Manifest fest: ‚Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle’.

Aber als man nach einer schöpferischen Atempause, die um 1930 zu registrieren ist, in die zweite Phase des Konstruktivismus hätte treten können, planvoll die zündenden Urgedanken vereinend, arbeitend nun auch nach Erkenntnissen der Psychoanalyse und dem naturwissenschaftlichen Gesetzen, da plötzlich machte ein politisches Gesetz brutal-reaktionärer Machtausübung in der Sowjetunion, in Deutschland, in ganz Europa allem ein Ende. Von dieser Verurteilung hat sich der Konstruktivismus nie mehr richtig erholt. Ein neues Bauhaus in Chicago oder die Ulmer 'Hochschule für Gestaltung' blieben im Versuch stecken. Andere Rettungsbemühungen rückten gar nicht erst in historische Sicht.


Nach 1945

In den ersten Jahren nach 1945 hatte der Konstruktivismus keinen aktuellen Platz bei den Zeitgenossen wie auch in der Kunst selbst. Es fehlte ganz einfach an den Künstlern, die mit Werk und Wort die Gegenwärtigkeit des Konstruktivismus hätten erweisen können. Viele waren inzwischen gestorben, so Malewitsch und Lissitzky; andere wie Buchholz, Graeff u.a. mangelte es an materiellen Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen und viele haben resigniert eigene Bilder nach Fotos, Erinnerungen oder anderen Unterlagen reproduziert. Man wird das verstehen müssen, da diesen Künstlern das Nachkriegsschweigen am schwersten mitgespielt hat.

Beim Schweigen nämlich blieb es zunächst, auch als sich in Westeuropa und den USA eine neue Generation von Geometrikern zu formieren begann. Es handelte sich um eine Künstlerschaft, die bald einen Neo-Konstruktivismus kreierten, die später in der Op-Art und Minimal-Art mündete. Dass die ideellen Voraussetzungen für alten und neuen Konstruktivismus höchst gegensätzlicher Natur waren und sind, vermag ein genauer Vergleich der Prinzipien und Ziele unschwer zu erhellen. Ebenso wenig kann man leugnen, dass es – formal gesehen – erhebliche Übereinstimmungen gibt. Sie spiegeln sich in der Bevorzugung weniger, farblich streng voneinander abgrenzender, meist formaler Motiveinheiten (Kreis, Linie, Rechteck, Winkel, Trapez) in unendlichen Varianten wider.

Aus der Geschichte heraus standen die Künstler, die die konkrete Formsprache verwendeten, der Mathematik und der Physik in einem vergleichsweise trauten Verhältnis. Der künstlerische Aktionsradius ließ sich damit erheblich erweitern. Vor diesem Hintergrund konnte die raffinierte Lichtkunst oder auch die virtuose Kinetik entstehen.


Heute 2015

Viele Konstruktivisten oder konkrete Maler berufen sich auf den ‚reinen Ausdruck’ und arbeiten für den ‚geistigen Gebrauch’. Sie beherrschen die Geometrie und sind damit beschäftigt, ihre Formen zu ‚ästhetisieren’ – oft mit teuren Materialien. Wie man weiß und sieht, führt das oft ins Banale und in die Langeweile.

Das verkennt jedoch die Kraft, die in den konkreten Formen vor uns liegen: rein optisch in den Wachstumssystemen oder in den Bewegungsgesetzen der Natur und abstrakt in den unsichtbaren Funktionen von physikalischen oder chemischen Abläufen; in wirksamen Kräften sozialer Verhältnisse oder in psychologischen und philosophische Gedankengängen und vielem mehr. Wir machen uns Bilder von der Wirklichkeit (Wittgenstein) und drücken sie aus in Gedanken und Ideen, in Sprache und Liedern, in Tänzen und Bildern. Umgekehrt rufen Gedanken, Ideen wiederum Bilder oder Imaginationen hervor.

So nehmen wir die abgerissene Linie der konkreten ‚Großväter’ auf, schauen auf die Variationsbreite der konkreten ‚Väter’ und arbeiten weiter. Das erhebt die Aktualität des Ur-Konstruktivismus weit über jene antiquarische Sympathie hinaus.

Ich beziehe mit auf einen Artikel von Horst Richter, erschienen 1968 unter dem Titel ,Die zwanziger Jahre heute - Gedanken zur Renaissance des Konstruktivismus',1968 in Eau de Cologne Nr. 1