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»Plakate gehören an die frische Luft«
Jochen Stankowski

»Plakate gehören an die frische Luft« könnte das Motto aller dieser Arbeiten sein, unabhängig von Zeit, Umstand und Thema. Plakate müssen den Blicken der Menschen ausgesetzt sein, ihre Neugier wecken und die Aufmerksamkeit erhaschen. Stehen, oder genauer hängen, sie doch in Konkurrenz zur Umgebung, zum Verkehr, der räumlichen Situation, dem Hin und Her der Menschen und vor allem in Konkurrenz zu anderen Botschaften auf anderen Plakaten.

Plakate in einem Buch oder in einer Ausstellung sind ihrer Funktion entzogen, verpflanzt, jetzt sind sie »Zitat«, und sie entsprechen kaum dem Bilderwald im öffentlichen Raum. Gleichzeitig aber werden sie in diesem anderen Medium auch Teil des kulturellen Lebens, üblicherweise in der Abteilung »angewandte Kunst«. So stellen sie hier im Buch auch eine Verbindung dar zwischen den alltäglichen und den kulturellen Bedürfnissen des Lebens.

Angewandte Kunst
Kunst lebe exklusiv, wird behauptet, sei ein autonomer Bereich neben dem Alltag. Angewandte Kunst wie das Plakat stehe dagegen im Einklang mit gesellschaftlichen Anforderungen, sei es für Produkte, Dienstleistungen oder Botschaften, wie hier etwa für soziale Bewegungen oder politische Gruppen. Brücken zwischen der Kunst und ihrer Anwendung gab und gibt es immer wieder, denken wir nur an den Agitprop der russischen Konstruktivisten oder die amerikanische Pop Art, und selbst Beuys’ soziale Plastiken intervenieren unmittelbar in die Gesellschaft.

Bild und Schrift
Bild und Schrift, die wesentlichen Elemente eines Plakats, sprechen uns auf verschiedenen Ebenen an: das Bild das Empfinden, die Emotion und die Schrift das Denken, den Verstand.

Nicht jedes Bild wird von jedem Betrachter gleich entschlüsselt. Jeder Mensch hat seine eigenen Assoziationen, macht sich sein eigenes Bild, entsprechend seiner Kultur und seinem Milieu. Wir lesen Bilder höchst individuell. Der Ablauf beim Betrachten ist vielleicht durch die Größe der Formen oder die Heftigkeit der Farben vorgegeben. Das Gefühl macht sich seine eigene Geschichte, sein eigenes Bild vom Bild, und meistens wird man sich dessen nicht einmal bewusst.

Es gibt Plakate, die auf Worte, auf Buchstaben ganz verzichten. Der Kubaner Alfredo Rostgaard zeigte 1969 im lateinamerikanischen Befreiungskampf ein
Plakat mit Jesus als Guerillero und illustrierte so die Aussage des Priesters Camillo Torres: »Jesus wäre heute ein Guerillero.« Umgekehrt gibt es Plakate nur mit Schrift die dann auch zum Gestaltungsmittel wird.

In den letzten 60 Jahren habe ich fast 400 Plakate entworfen, zum Teil auch hergestellt. Das waren Plakate für gewerbliche Unternehmen und Firmen ebenso wie für Kultureinrichtungen oder Künstler, viele aber für gesellschaftspolitische Gruppen in ihrer Auseinandersetzung um soziale Gerechtigkeit und Freiheit. Bei diesen war Martin Stankowski im Kontext der Aktivitäten, bei Diskussion und Text oft beteiligt, vor allem auch ihrer öffentlichen Darstellung. Dabei waren immer die Vorgaben von Auftrag und Auftraggeber ebenso zu berücksichtigen wie die Bedingungen des Mediums selbst.

Gestalt und Gestaltung. Aber wann ist ein Plakat ein Plakat?

Eine Parole auf einem Stück Toilettenpapier kann zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten wirkungsvoller sein als ein hauswandgroßes Banner. Geldscheine mit politischen Parolen etwa waren und sind autonome Medien in autoritären Systemen. Das Format hat mit den Umständen zu tun, den äußeren wie auch den medialen. Viele der hier dokumentierten Plakate gab es auch als Broschürentitel, Flugblätter und sogar als Postkarten.

Als Plakate jedoch haben alle – auch bei unterschiedlichen Bedingungen – eine Gemeinsamkeit: Sie müssen »an der frischen Luft« für das Auge genauso erkennbar sein wie beispielsweise eine Briefmarke als Bildträger auf einer Postkarte. Dazu braucht das Plakat einen »Blickfang«, nur eine Aussage wird pointiert herausgestellt, das kann ein Wort sein, ein Bild oder ein Zeichen. Alles Weitere wird dem untergeordnet.

Das darf allerdings nicht dazu führen, dass nur Slogans gezeigt werden. Viele Themen lassen sich überhaupt nicht auf einen Slogan reduzieren. Oft haben die Plakate, die sich auf einen Slogan beschränken, nichts zu sagen oder wollen verunklaren, was eigentlich zu sagen wäre. Das trifft auf Wahlplakate genauso häufig zu wie auf Produktwerbung.

Für den Designer ist es immer schön, wenn er Platz hat, eine visuelle Aussage umzusetzen. Das braucht aber meist Zeit und oft auch Geld für den Druck. Meist haben politische Gruppen weder das eine noch das andere. Dafür sind die Vorgänge bei der Ideenfindung und Herstellung dieser Medien oft aufregend und anstrengend. Der Inhalt soll nicht visualisiert und damit wiederholt werden, sondern es soll ein eigener Aspekt ausgedrückt werden, der optisch rezipierbar ist und den Betrachter erst einmal aufmerksam macht. Es greift zu kurz, ist aber ein illustrierendes Beispiel für diese These, das Thema »Freundschaft« etwa mit einem Händedruck abzubilden. Das ist wie eine Mahlzeit von Kartoffeln mit Schnitzel – aber als Druck in Farbe und im Kochbuch.

Bilder verkürzen den Denkprozess, sie beschleunigen das Erkennen der Information und zeigen Unterschiede auf, die sich verbalen Erklärungen entziehen.

Zeit
Für die »Sozialistische Selbsthilfe« in Köln entstanden im Laufe der Jahre zahlreiche Plakate und Flugblätter, Wandzeitungen und Extrablätter als interventionistische Medien, zum Teil wurden auch veränderte mediale Formen wie etwa »Geld« als Wurfmaterial im Karneval oder Aktionen entwickelt. Alle diese Medien sind Teil der Strategie, die Deutungshoheit einer Aktion zu besetzen und zu behalten: in der direkten Umgebung von Nachbarn oder Passanten durch Flugblätter, im Umfeld und im Stadtteil durch Plakate, ein Muster vor allem bei direkten Aktionen wie Hausbesetzungen, Behördenbesuchen, Interventionen und Protesten in Unternehmen.

Wichtig ist dabei immer die Aktualität: Jede Entwicklung, ob Rückzug oder Fortschritt, wurde neu kommuniziert, die Plakate wurden oft von einem auf den anderen Tag »über Nacht« hergestellt. Um einen Nachrichtenvorsprung gegenüber Politik, Polizei, gegenüber Institutionen oder Unternehmen zu behalten, war das wichtig, und die Voraussetzung dafür war, dass wir damals in einer eigenen Druckerei gearbeitet haben und so auch selbst über die Produktionsmittel verfügten.

Finanzen
Die Gestaltung der Plakate spiegelt die Bedingungen ihrer Entstehung: viel Text, wenig Zeit, wenig Geld, kaum Platz für grafische Elemente. Bilder wurden gezeichnet, mit dem Kopierer bearbeitet, große Schriften aus Anreibebuchstaben gerubbelt, Texte auf der Schreibmaschine getippt und eingeklebt, oft schwarzer Druck auf farbigem Papier, das schaffte eher Aufmerksamkeit und Unterscheidung – und vor allem war es billig.

Gesetz und Justiz
Eine Anmerkung zum Thema »politische Plakate«: Ein Teil dieser Medien ist in politischen Konflikten entstanden oder hat diese begleitet. Dabei war die Frage »Wem gehört der öffentliche Raum?« oft entscheidend, weil hierfür keine Werbeflächen zur Verfügung standen, sondern Bauzäune, Hauswände oder Bahnunterführungen, und da gilt das Ankleben oft als »Sachbeschädigung«, auch wenn es meistens nur um Tapetenkleister geht. Ein ständiger Streitpunkt war, wenn immer beim Kleben das Ordnungsamt einschritt und das frisch geklebte Plakat selbst wieder abgenommen wurde, ob schon der Versuch strafbar sei. Oder wenn nach Monaten die gerichtliche Verfügung kam mit der Adresse der »Straftat«, etwa ein besetztes Haus, und das längst abgerissen war. Oder der Streit um das korrekte Impressum nach dem Pressegesetz und hier bisweilen auch der Durchgriff auf die Drucker. Relevanter jedoch waren die juristischen Auseinandersetzungen mit den Inhalten, wie etwa bei den dokumentierten Beispielen um die »Staatsbeleidigung«. In solchen Fällen halfen nur gute Anwälte oder die Strategie, auch die juristischen Verfahren zum Gegenstand und Thema der öffentlichen Auseinandersetzung zu machen. Und dazu gab es dann in der Regel wieder neue Plakate.

Die Mehrheit der hier dokumentierten Plakate wurde als Meinungsträger im öffentlichen Diskurs verwandt und meistens auch so verstanden: als Medien in einer wachen Demokratie und Gesellschaft.

aus: Anschläge, Plakate aus 5 Jahrzenten, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

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